Lukas Gajewski wird auch im Jahr 2020 mit Patrick Simon, Jan Seyffarth und Oliver Sittler die 24h Le Mans für Eurosport kommentieren. Wir unterhielten uns mit Gajewski über das besondere Flair vom Langstreckenklassiker in Frankreich und was seine besonderen Erinnerungen an das Rennen sind. Zudem berichtet er, wie er überhaupt Motorsport-Kommentator geworden ist.

Du wärst jetzt bestimmt viel lieber in Le Mans, oder?

Ja klar. Wir sind ja sonst immer von Montag bis Montag unterwegs und erleben die Atmosphäre in der Stadt, wir sprechen mit zig Leuten, richten alles ein, am Mittwoch fahren wir dann mit dem Moped nochmal über die Strecke – also die Vorfreude aufs Rennen wird jeden Tag größer und das alles fehlt diesmal natürlich. Aber andererseits ist die Atmosphäre vor Ort durch die Corona-Auflagen und ohne Zuschauer dieses Jahr eh komplett anders. Der Eventcharakter kommt dieses Jahr deutlich kürzer. Also wenn man unbedingt eine Ausgabe vor Ort verpassen muss, dann ist diese jetzt wahrscheinlich die Beste. Aber trotzdem, als ich in den letzten Tagen die ganzen Posts und Fotos aus der Boxengasse und so gesehen habe, hat es natürlich schon gekribbelt. Zum Glück waren wir alle schon vor Ort. Deswegen werden die Faszination Le Mans bestimmt auch aus Deutschland rüberbringen.

Wie bist du denn eigentlich zu deiner Tätigkeit als Motorsport-Kommentator gekommen?

Burkhard Bechtel Lukas Gajewski
Foto: Lukas Gajewski

Als Kind auf der Tribüne oder auch vorm Fernseher habe ich immer gespannt den Kommentatoren zugehört. Das waren für mich die, die mir alles erklärt haben und die natürlich auch die Emotionen rübergebracht haben. Ich habe dann immer selbst mit Mikrofon und Videokamera rumgespielt – mit Hi8-Kassetten damals noch. 2007 habe ich im Fahrerlager Oliver Hilger kennengelernt, der damals die Motorsportpresse für Porsche gemacht hat. Er hat dann eingefädelt, dass ich auf dem Norisring beid den Trainings vom Porsche Carrera Cup bei Burkhard Bechtel mitkommentieren durfte. Das war für mich natürlich völliger Wahnsinn. Danach hat mich Swen Wauer (Anm. d. Red.: ADAC GT Masters-Streckensprecher) immer mit Veranstaltern in Kontakt gebracht, wenn die mal jemanden für ein Kartrennen oder einen Autoslalom brauchten. Das war natürlich super, weil ich lernen konnte und von unten in dieses riesige Netzwerk reinwachsen konnte.

Du sitzt ja auch heute noch gerne mal auf die Tribüne oder besuchst manche Veranstaltungen als normaler Zuschauer. Ist das nur privates Interesse oder bringt dir das auch etwas für deine Arbeit als Kommentator?

Das bringt schon was. Vor allem, weil ich ja auch mal als Streckensprecher kommentiere. Und wenn man sich da mal auf die Tribüne setzt, bekommt man einen Eindruck, was der Zuschauer sieht und hört – und viel wichtiger noch, was er nicht sieht und nicht hört.

Eine Karriere als aktiver Rennfahrer kam für dich nicht in Frage?

Nein. Dazu fehlt mir die Ellbogenmentalität. Ich kann mit angespannter Stimmung ganz schlecht umgehen. Bei mir muss immer alles schön und friedlich und freundlich sein. Ich bin schon mal ein Rennauto gefahren und es wäre natürlich schon cool, sowas öfter zu machen. Aber dafür habe ich mich wahrscheinlich nicht gut genug benommen. Das war bei einem Testtag zum DMV BMW 318ti Cup letztes Jahr. Da habe ich das Auto kurz vor Schluss einmal übers Dach gehauen. Gibt auch ein schönes Video davon…

This morning, 72 % of you encouraged me to 🚘 drive a race car instead of sending me 🏖to the pool. 28 % of you probably had a point.

Gepostet von Lukas Gajewski am Samstag, 9. März 2019

Dann kommen wir lieber wieder zurück zum Kommentieren: Wie kam es zu deinem Le Mans-Einsatz für Eurosport?

Nach dem Tod von Gustav Büsing brauchte Eurosport 2016 wieder Zuwachs im Kommentatoren-Team. Ich weiß noch, wie der Anruf kam. Zu der Zeit habe ich in England gelebt, war im Auto auf dem Weg nach Deutschland und war gerade vor der Dartford-Mautstelle. Die Kohle musste man immer online zahlen und ich habe das immer vergessen und dann irgendwann mal eine elendig hohe Strafe gezahlt. Die Mautstelle gehört mir quasi. Egal, jedenfalls sah ich eine unbekannte Nummer auf dem Telefon, ging dran und wurde gefragt, ob ich mir vorstellen kann, für Eurosport Le Mans zu kommentieren. Da bin ich natürlich mit Bauchkribbeln und Dauergrinsen bis nach Hause gefahren. Das war schon überragend, vor allem, weil es völlig ohne Ankündigung kam.

Dass du als Nachfolger von Gustav Büsing ins Eurosport-Team gekommen bist, hat dich das unter Druck gesetzt?

Tatsächlich überhaupt nicht. Ich habe das erst vor Ort realisiert durch Gustavs langjährige Weggefährten, die sich natürlich erkundigt haben. Aber ich habe mich nie als Nachfolger oder Ersatz für Gustav gesehen. Das wäre ja völlig vermessen gewesen. Für mein Empfinden war ich einfach neu im Team. Und fertig.

Gibt es für Dich einen bestimmten Le Mans-Moment, an den du dich gern erinnerst?

Ich war jetzt vier Mal da und es gibt schon so viele tolle Geschichten, vor allem natürlich vom Drumherum. Aber der prägendste On-Air-Moment war der Doppelausfall von Toyota in der Nacht 2017. Jan Seyffarth und ich haben da am Mikro gesessen und waren völlig platt. Die hatten ja schon im Jahr davor dieses unfassbare Pech mit dem Ausfall in der letzten Runde. Und dann fahren die wieder ein super Rennen und fallen plötzlich mit beiden siegfähigen Autos innerhalb von einer halben Stunde aus. Und dann noch diese qualvollen, minutenlangen Versuche, die Autos irgendwie an die Box zurückzukriegen. Das hat da jedem wehgetan. Jürgen Lindemann, der Porsche-Rennarzt, war noch bei uns in der Kabine. Der hätte sich eigentlich freuen können, aber auch er wusste nicht mehr, was er sagen sollte.

Wo wir bei Strapazen sind: Für manche geht es von Le Mans direkt weiter zum Nürburgring und zum nächsten 24 Stunden-Rennen. Gilt das auch für dich?

Ja, nur dass für mich die Reise deutlich kürzer ist. Am Wochenende nach Le Mans bin ich dann für RTL Nitro im Einsatz. Auch am Ring wird dieses Jahr vieles anders sein, aber ich freu mich drauf.

Eurosport wird die 24h Le Mans auch im Jahr 2020 in voller Länge im Free-TV übertragen. Ab der dritten Trainingssitzung überträgt der Sender alle Sitzungen. Das zweite Training und das erste Qualifying kommen Live auf Eurosport 2. Von der ersten Trainingssitzung wird es keine Übertragung geben.

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